Mittwoch, 18. Mai 2011

Die Wolken

Am Himmel zieht die Unendlichkeit vorrüber, die in uns allen steckt. Wir sehen was wir waren und was wir sein können. Nur wenn wir die Wolken befragen, wer wir sind, ziehen sie müde lächelnd weiter.

Montag, 6. Dezember 2010

Der Weg

Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass Ideen am Besten anhand ihrer Erstehung erklärt werden. So versteht man nicht nur, was gedacht wurde, sondern auch, und das ist viel interessanter, warum es gedacht wurde. Mein Freund K. hatte eine Idee. Um sie verstehen zu können, muss ich zunächst weiter ausholen.

Nach einem Ereignis, welches K. mir nie genauer benannt hat, folgte eine große Melancholie. Melancholie ist eine nicht zu unterschätzende Quelle von Kreativität. Leider sind die entstehenden Gedanken selten von optimistischer Natur. Was K. beobachtete war die Heuchelei. Diese Heuchelei habe ich auf diesen Seiten bereits in verschiedenster Form versucht darzustellen, aber ich möchte hier etwas tiefer und analytischer an die Sache herangehen.

Die Heuchelei bemerkt man zuerst nur oberflächlich. In den Auswüchsen des Kapitalismus, dem Konsum. Man sieht sie, wenn man den Fernseher anschaltet. Bei Familientreffen ist sie ein gerngesehener Gast. Alle können sie sehen, Einige bemerken, die Wenigsten verarbeiten sie in irgendeiner Form. Doch K. war plötzlich in der Lage, hinter diese Kulisse zu blicken. Und was er dort sah, gefiel ihm nicht. K. gehörte zu den skeptischen Menschen. Er war ständig am zweifeln, verändern, verbessern, neu beginnen. Eben weil er zu jener Klasse von Menschen gehörte, fiel ihm dieser Riss in der Welt besonders auf. Und er suchte nach den Ursachen...

Diese oberflächliche Heuchelei war an sich nichts Neues. Die Melancholie rief sie in K.'s Bewusstsein einfach nur in den Vordergrund, erhob sie zum Objekt der Betrachtung. Aber K. sah nun erst, dass die Menschen ohne Zweifel sich selbst belogen. Ein Mensch der nicht lügen, lügen und dabei lächeln kann, ist unfähig, sozial zu überleben, so nahm er es wahr.

Ich fand eine Notiz, die etwa aus jener Zeit stammte. Auf blauem Papier ist in Schwarz ein kurzer Text gekritzelt:
"Aber hier kommt der tiefere Sinn von der Heuchelei ins Spiel. Trotz allem neigt der Mensch zum Heucheln, es ist, als ob er nicht ohne könne. Man ist nett zu Leuten, die einem unsympathisch sind, man kauft das, was in der Werbung angepriesen wird, man geht jeden morgen zur Arbeit, damit einige Männer an der Spitze sich ein weiteres Auto leisten können. Hunger in Afrika? Schrecklich! Aber ich brauche so dringend neue Schuhe...".

Dies sind nur klassische Beispiele der Heuchelei. Aber als K. den Gedanken fortführte, so fand er ihn überall in der Welt. Selbst in der kleinsten zwischenmenschlichen Kommunikation herrschte ein mächtiges Prinzip: Was ich sage hat absolut nichts mit dem zu tun, was ich meine, und schon gar nicht mit dem, was ich nach meinen sollte. Die Heuchelei ist überall wo Menschen sind. Die Diskrepanz zwischen Ideal und Realität, das ist vermutlich die Heuchelei. Aber woher kommt das Ideal? Durch das Bewusstsein! Erst mit ihm kam die Heuchelei in die Welt, der Widerspruch, dass der Mensch im Einzelnen gut aber in der Masse böse ist. Dass wir versuchen, durch stupide Unterhaltung unsere Zeit auf Erden zu verkürzen.

Voller Ekel vor jeglicher unkonstruktiver Kommunikation wurde K. immer unfähiger, mit Menschen umzugehen. K. spürte plötzlich die Heuchelei hinter jeder Ecke und in jedem Schritt den er tat. Jede Faser seines Körpers war sich plötzlich ihrer eigenen Existenz und der damit verbundenen Heuchelei bewusst. Ich erinnere mich, in dieser Zeit einige Male mit ihm gesprochen zu haben. Seine Augen schienen stets abwesend, sie sahen nie in die meinen. Manchmal brach er mitten im Satz ab und lächelte verschmitzt. Es war kein schöner Anblick. Ich wusste damals noch nicht um die Tiefe seiner Gedanken und schwieg. Unangehneme Stille. Manchmal auch ein Anflug von Angst. K. schien mich und die Welt zu durchschauen, aber er erschuf kein Licht mit seiner Weisheit. Wäre er diesen Weg konsequent weiter gegangen, er hätte vermutlich sein Ende gefunden, aber K. merkte schnell selbst, dass seine Idee noch nicht ausgereift war.

Traurig kam er also zu dem Schluss, dass die Heuchelei in jeder bewussten Handlung steckte, und man auch nicht auf sie verzichten konnte. Wir belügen uns konstant selbst, und das scheint notwendig zu sein, um in dieser Welt zu überleben. Oder nein, es ist nötig, um in der sozialen Welt zu leben. Wäre der Mensch kein soziales Tier, gäbe es nur ihn und sonst nichts, würde er sich nur mit sich selbst beschäftigen, so könnte er vielleicht vollkommen frei von jeder Heuchelei leben. Jene Diskrepanz ist also eine fundamentale Eigenschaft der sozialen Welt und entsteht aus der Interaktion mehrerer bewusstseinsfähiger Wesen. Wieder ein Widerspruch, eine Heuchelei. Wie kann eine Welt auf Selbstbelügung basieren? Es schien, als ob der Widerspruch diese Welt beherrsche. Dabei müsste es so einfach sein.

Soweit etwa kam K. in seiner Melancholie. Sartre festigte seine Ansichten. Auch erinnerte sich an seinen Jugendhelden, Kafka. Kafka schien in seinen Werken nichts anderes als K.s Heuchelei ausdrücken zu wollen. Und sie hatte ihn schließlich zerstört. K. war kein selbstzerstörischer Mensch. Da er gelernt hatte, dass keine Idee unumstößlich, sondern subjektiv war, hätte er niemals einen Märtyrertod gewählt. Tatsächlich begann er bald ein neues Leben, und die Melancholie war mit einem Mal vorüber.

Er bemerkte, dass das schöne Leben nur eine simple Entscheidung entfernt war. So Klischeehaft es klingt, aber man muss sich immer wieder selbst fragen, ob das Glas halbleer oder halbvoll ist. Während seiner einsamen Phase war für K. jedes Glas halbleer gewesen. In seinem neuen Leben ging es ihm nun so gut, dass das Glas immer halbvoll schien. Bald erkannte er, dass der Unterschied nur in der Betrachtung lag, man konnte sich selbst entscheiden, wie man lebte. Der Kontext ist natürlich wichtig, aber man kann es meistern, aus allem eine halbvolle Angelegenheit zu machen. Dies machte K. nun zu seiner Mission.

Doch er hatte natürlich seine alten Thesen nicht vergessen. Nach seiner Definition, war diese Entscheidung nicht die pure Heuchelei? Erkaufte er seine Glücklichkeit nicht mit dem Leiden anderer? Es war seltsam, es fühlte sich nicht geheuchelt an, es war echt und schön. Er konnte Menschen wieder in die Augen sehen, ohne Ekel zu bekommen. Dabei war er ja noch derselbe Mensch, nur hatte sich sein Kontext geändert.

Diese Frage galt es also nun zu beantworten. K. fiel auf: Dass man die Heuchelei gerade mit Heuchelei aus seinem Leben verbannen kann, ist wieder ein riesiger Widerspruch in sich selbst. Seine These schien also nicht verletzt zu sein. Wie gesagt war K. kein Märtyrer, oder jemand, der sich gern absichtlich das Leben schwer machte, und so blieb er in diesem optimistischen Zustand, philosophierte jedoch weiter. Dies war eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte, konnte er jetzt doch das ganze Modell von einer Distanz betrachten. Es wurde sein Ziel, dieses negative Weltbild auf etwas positives zu reduzieren. Er wollte den Menschen nicht sagen, was sie falsch machten, sondern wie sie es besser machen konnten.

An dieser Stelle erinnere ich mich an die Zeit vor seiner Melancholie. K. war nie sonderlich interessiert an Politik. Sprach man ihn darauf an, warum er, der die Welt doch besser machen möchte, so unpolitisch sei, winkte er ab: "Ich halte Politik für den falschen Ansatz.". Ein andermal sagte er: "Wenn ich meine Träume erfüllen kann, wird Politik nicht mehr nötig sein.". K. war ein Träumer, ein Philosoph. Er wollte nicht das System verändern, sondern den Menschen an sich. Bei seiner neugefunden Philosophie, so spürte er, konnte er endlich einen Versuch wagen.

Zunächst einmal versuchte er, die Heuchelei genauer zu betrachten. Er hatte bisher für jeden Widerspruch dieses hässliche Wort verwendet. Aber war nicht ein bedeutender Unterschied zwischen einem Widerspruch und einer Heuchelei? Er definierte also nun genauer: der Widerspruch ist die eigentliche Diskrepanz zwischen dem Ideal und der Realität. Die Heuchelei ist die Akzeptanz von und Ignoranz gegenüber diesen Widersprüchen, im schlimmsten Falle sogar deren Ausbeutung oder Erschaffung. Ohne diese scheint (zumindest soziales) Leben unmöglich.

Eine wichtige Frage tat sich nun auf: Gibt es diese Widersprüche auch ausserhalb der menschlichen Gedankenwelt? Diese Frage verfolgte K. lange.

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So weit konnte ich die Gedanken meines Freundes rekonstruieren. Notizen über Notizen, Tagebucheinträge und Gespräche mit ihm waren eine große Hilfe. Doch wir kommen nun zum Ende der Geschichte. Ein womöglich unpassendes Ende, ehrlich gesagt. Und doch ist dier Natur dieses Endes gerade der Grund, weshalb ich über die vergangen Monate so krampfhaft versuchte, jeden Tropfen des Denkens jener Person vom Fußboden aufzulecken. Das Ende ist quasi der Anfang meiner Geschichte.

Es geschah an jenem Herbstmorgen. Ich besuchte meinen Freund K., und wir redeten seit Stunden. K. war in gemischter Laune. Manchmal funkelten seine Augen, wenn ich etwas sagte, und er zerschmetterte meine Argumente mit kalter Überlegenheit. Den Rest der Zeit sah er nur zu Boden, nickte nur. Er konnte sich nie gut ausdrücken. Seine Gedanken waren meinen definitiv überlegen, aber es fehlte ihm die Fähigkeit, sie in Worte zu fassen. Frustration und, wie ich jetzt weiß, auch die Frustration darüber, Frustration zu verspüren, ließen ihn sich weiter in seine eigene Welt zurückziehen. Und trotzdem lachte er immer wieder, lachte von ganzem Herzen.

Doch dann geschah etwas, dass ich bis heute nicht verstanden habe. Im Laufe unserer Unterhaltung muss ein neues Muster in seinem Kopf entstanden sein. Ich konnte es an seinem Blick erkennen, er sah aus, als hätte er ein Gespenst gesehen. Wie ein Virus breitete sich dieses Muster aus. Erschrocken stand er auf und ging hinaus in den kalten, verregneten Garten. Gewohnt an gewisse Eigenheiten meines Freundes blieb ich sitzen und beobachte ihn durch das Fenster. Sein Gesicht war angestrengt. Nach etwa 10 Minuten betrat er wieder die Wohnung und lief langsam auf mich zu, ohne mich zu bemerken. Dann bemerkte er mich. Mit einem Mal wichen seine tiefen Denkfalten einem breiten Grinsen. Dann bat er mich, ihn allein zu lassen.

Ich habe nie wieder etwas von K. gehört. Als ich ihn später besuchen wollte, war er gegangen, nur seine Schriften hatte er gelassen. Vor ein paar Monaten traf ich einen Reisenden aus Asien. Er erzählte mir von einem K., den er in der hintersten Ecke der Welt getroffen hatte, und den er zutiefst bewunderte und verehrte. Es war mein Freund, daran war kein Zweifel, doch der Reisende zeichnete ein komplett anderes Bild von ihm, als wäre K. ein anderer Mensch geworden. Bis dahin hatte nur mein schlechtes Gewissen und meine Neugier mich dazu angetrieben, ein paar mal in K.s Notizen zu blättern. Doch nun wurde daraus eine fieberhafte Suche nach der Zündschnur, die an jenem Morgen entflammte. Der Maelstrom seiner Gedanken riss mich mit. Ich machte die gleiche Erkenntnisse, durchflog die selben Höhren, und stürzte in vielleicht noch tiefere Tiefen, nur am Ende wie zerstört dazustehen. Mein ganzes Leben wurde ad absurdum geführt, und ich konnte mich nicht dagegen wehren.

Heute, wo ich die Idee meines Freundes nach bestem Gewissen nachvollzogen habe, weiß ich noch immer nicht, woher der Funken kam. War es etwas, dass ich sagte? Oder war es nur Zufall, dass es an jenem Morgen geschah, und ich war nur ein bedeutungsloser Zuschauer? Aber einem bin ich mir sicher. K. hatte es an jenem kalten Morgen im Herbst irgendwie geschafft, seinen Widerspruch zu überwinden.

(unfertig)

Samstag, 4. Dezember 2010

Die Stadt und der Schnee

Es ist Dezember. Der Himmel blau, der Rest ist weiß. Schön. Hoch über der Siedlung kreisen zwei Raubvögel. Ich laufe neben dem Weg, um meine Schritte im Schnee zu hören. Es ist noch nicht spät, aber die Wintersonne lässt die Bäume lange Schatten werfen. Ich springe über einen. Oder zwei.

Vor einigen Tagen bin ich in die Stadt gegangen. Es war kalt und grau, aber ein gemütliches Dezember-kalt und -grau. Der Winter war neu, noch genoss man die Veränderungen, die er mit sich brachte. Ich ging durch die Straßen von Freiburg und betrat jeden sympathischen Laden den ich fand. 'Hallo, ich bin Student und auf der Suche nach einem kleinen Nebenjob.' - 'Was studieren sie denn?' - 'Informatik...' - 'Ahja, das is ja ganz was anderes... Nunja, lassen sie mir mal ihre Nummer da!'.

In einem alten Spielzeugladen hätte man mich sofort genommen. Es arbeiteten sonst nur hübsche Frauen da und man war überrascht und erfreut darüber, dass ein junger Mann, noch dazu ein Informatiker anfragte. Aus allen Ecken wurde mir zugelächelt. Es roch nach Holz. Alte Damen, die für ihre Enkel Weihnachtsgeschenke einkaufen. Der Besitzer machte aber klar, dass der Job eine lange Einarbeitungszeit erfordert und er deshalb auf mindestens 2 Jahre ausgelegt ist. Ich sagte, ich überlege es mir und ging hinaus in die Kälte.

Ein Stückchen weiter fand ich einen nepalesischen Laden mit Gebetsmühlen, Statuen, Klamotten, Klangschalen. Ich wollte erstmal nach einem Pullover sehen. Innen unterhielt sich ein charismatischer Latino mit einem Inder auf Englisch. Es ging um Kapitalismus. Man grüßte mich, bot mir Hilfe an, sagte ich rieche gut (womöglich das Holz aus dem Spielzeugladen) und redete weiter. Als ich an die Kasse kam, fragte mich der Latino nach meiner Meinung. Natürlich war ich der selben wie sie, und ich glaube ich war ihnen sympatisch. Nachdem der Inder gegangen war meinte der Andere, der Besitzer, er hätte die selbe Jacke wie die, die ich ausgesucht hatte. Sie ist grün und bestickt. Wir redeten ein Weilchen und schließlich fragte ich nach einem Job. Der Latino, Kolumbianer übrigens, musterte mich kurz, grinste und sagte, ich solle am Freitag wieder kommen. Das ist heute.

Ich war eben da. Eigentlich hat er mir nur gesagt, ich soll am Montag wiederkommen und meine Papiere mitbringen. Was ich tun werde und wieviel ich dafür bekomme weiß ich nicht. Aber das ist auch nicht so wichtig.

Daheim angekommen höre ich im Flur Musik. J. spielt Geige, K. Flöte. Ich nehme meine Gitarre und geselle mich dazu. Wir schauen uns nicht in die Augen sondern spielen einfach nur. Zunächst etwas melancholisches, dass sich aber langsam in einen Blues verwandelt. Als wir fertig sind strahlen wir uns einfach nur an. M., unsere exotische Blume, kommt aus ihrem Zimmer und ist total begeistert. Schön. WeeGee Fifty.

Mittwoch, 17. November 2010

Die Mine

Da bin ich nun also. Man schifft mich aus. Ein letzter Blick in ihre Augen, und wir beide wissen, dass wir an einer Grenze stehen. Ich werde nicht wiederkommen. Sie wird trauern, aber irgendwann einfach weiterleben. Ein Bild auf einem Kamin. Mehr wird nicht von uns übrig bleiben. Sie schüttelt den Kopf und hat Tränen in den Augen. Ich wende mich ab.

Die Reise in das ferne Land vergeht langsam, meine Kameraden und ich sind wie gelähmt. Ich denke viel über Triviales. Erst kurz vor der Ankunft steigt es in mir hoch: Was, wenn sie mich erkennen? Mich gefangen nehmen? Sie werden feststellen, dass ich nicht bin wie die Anderen. Es wird ihnen Angst einjagen, aber letzten Endes werden sie nichts tun können. Sie werden mich aufschneiden und genauestens untersuchen. Ein Anachronismus.

Ob sie verstehen können, was ich bin? Es wäre eine Chance, aber die Hoffnung hat diesen kalten Raum schon längst verlassen. Ich schaue meinen Kameraden in die Augen. Sie erkennen mich nicht. Gleichgültigkeit steht ihnen um den Mund, Angst steht ihnen in den Augen. Wenn sie wüssten, was mich von ihnen unterscheidet, würde es sie überhaupt kümmern?

In meinen Träumen sehe ich mich nach Hause kommen. Doch etwas ist nicht richtig. Meine Frau, sie schaut mir nicht in die Augen. Das Bild auf dem Kamin hat etwas Staub abbekommen. Unsere Tochter weint. Es ist, als ob sie beide wussten, was ich bin, schon immer. Aber es fiel ihnen erst auf, als ich ging. Etwas ist für immer gebrochen. Ich schaue auf den Boden. Er ist rot.

Ich werde als erstes auf das Schlachtfeld rennen. Vielleicht erwische ich eine Mine.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Das Ende der Heuchelei?

In dem Kampf, in dem ich mich befinde, oder besser, in dem ich mich befand, gibt es keine Sieger. Das, was ich als Heuchelei bezeichne, lauert überall und ist doch nur in meinem Kopf entstanden. Ich behaupte dieses Prinzip ist älter, tiefer, wirklicher als die Menschen, vielleicht älter als die DNA, höchstwahrscheinlich älter als das Universum. Aber letzten Endes habe ich es durch meine Betrachtung erst erschaffen. Schwachsinn, zu glauben, es hätte die Relativität schon gegeben, bevor Einstein sie entdeckt hatte. In meinem Kopf haben flackernde Neuronen eine Idee geformt, ihr einen Namen gegeben und mich veranlasst, es gegen das Leben zu richten. Kategorien wie richtig oder falsch sind hier, wie immer, nicht angebracht. Aber ich kann nicht mehr aufrichtig gegen diese Inkonsistenz der materiellen, geistigen, sozialen, universellen Wirklichkeit, die gar keine ist, ankämpfen. Gar nicht mal in erster Linie deswegen, dass ich mich dann selbst der Heuchelei anzeigen, also selbst zerstören müsste.

In diesem Kampf kommt man letzten Ende immer wieder zu einer Frage. Man muss eine Entscheidung fällen. Ekele ich mich vor dem Schleim, dem Öl? Oder erkenne ich, dass das Öl gar nicht existiert, wenn ich mich dagegen entscheide? Kann ich in dieser stinkenden Welt den Geruch einer Blume wahrnehmen?

Sonntag, 17. Oktober 2010

Der Herbst

Freiburg im Oktober. Unter hellblauem, kalten Herbsthimmel den wundervollen Geruch von vermodertem Laubwerk in der Nase haben. Die Kälte bricht sich wie Wellen an meinen Wangen. Mein Atem wird für einen Augenblick zu hellem, mystischen Nebel. Das Leben ist kurz. Das Leben ist lang. Völlig egal, das Leben ist in erster Linie interessant, und da braucht es nur noch ein offenes Gemüt, um die Schönheit darin zu erfassen. Ein Vogel landet vorsichtig auf dem Geländer. Neugierig schaut er sich um, hüpft auf den Glastisch. Klack klack klack. Ich habe mich längst zu ihm geneigt, möchte erraten, was sich zwischen den kurzen, blitzartigen Bewegungen in diesem kleinen, schönen Kopf abspielt. Ob er die Welt schön findet? Vermutlich denkt er sich gar nichts über die Welt, aber diese Leere in seinem Kopf, ist sie warm oder kalt? Wobei ich gar nicht mehr zu sagen vermag, was denn nun schöner ist, Wärme oder Kälte. Ein kurzer Moment des Aufleuchtens, stärker als sonst. Alles hat seinen Sinn. Der Winter ist ebenso wichtig wie der Sommer. Blabla. Das hat man schon oft gehört, aber manchmal durchschaue ich die fahlen Worte für einen Moment. Momente größter Glücklichkeit. Von soviel Glück eingeschüchtert hüpft der Vogel schnell wieder auf das Geländer und flattert davon. Ich höre sein Pfeifen, seinen Flügelschlag. Die Augen fallen mir zu und ich weiß, wo ich bin. Das passiert nur selten. Das Leben hat einen Sprung gemacht, mehrere Stufen auf einmal genommen. Freiburg im Oktober und ich bin ein Stück näher.

Mittwoch, 29. September 2010

Der Zusammenhang

0 Uhr. Sinnlosigkeit wartet darauf, verdaut zu werden. Feuchtes Laub wird vom Wind verweht, sammelt sich zu Formen, verschwindet, entsteht neu. Die Neugier, die Schönheit und der Geist. Und dann ist da diese Sache. Absolut irrelevant. Diese Sache soll dem ganzen dienen, doch ich sehe den Zusammenhang nicht. Irgendjemand muss ihn irgendwann aus einem Kellerloch hervorgezaubert haben. Und ich habe diesem jemand aus der Hand gefressen. Wie gern würde ich es wieder ausspucken, doch es ist bereits verdaut. Das Öl kocht, der Gestank ist unerträglich. Ich stecke meine Fingerspitzen hinein. Es zischt, meine Haut wirft Blasen und schält sich. Ich schreibe diese Worte auf die Scheibe. Der zähe, unanschauliche Brei verläuft ein wenig, doch ich bin zufrieden. Irgendwo im Norden wird sich eine Nase rümpfen. Im Rest der Welt ertrinken die Menschen in den Fluten. Ich kann ihre Schreie hören.