Sonntag, 31. Oktober 2010

Das Ende der Heuchelei?

In dem Kampf, in dem ich mich befinde, oder besser, in dem ich mich befand, gibt es keine Sieger. Das, was ich als Heuchelei bezeichne, lauert überall und ist doch nur in meinem Kopf entstanden. Ich behaupte dieses Prinzip ist älter, tiefer, wirklicher als die Menschen, vielleicht älter als die DNA, höchstwahrscheinlich älter als das Universum. Aber letzten Endes habe ich es durch meine Betrachtung erst erschaffen. Schwachsinn, zu glauben, es hätte die Relativität schon gegeben, bevor Einstein sie entdeckt hatte. In meinem Kopf haben flackernde Neuronen eine Idee geformt, ihr einen Namen gegeben und mich veranlasst, es gegen das Leben zu richten. Kategorien wie richtig oder falsch sind hier, wie immer, nicht angebracht. Aber ich kann nicht mehr aufrichtig gegen diese Inkonsistenz der materiellen, geistigen, sozialen, universellen Wirklichkeit, die gar keine ist, ankämpfen. Gar nicht mal in erster Linie deswegen, dass ich mich dann selbst der Heuchelei anzeigen, also selbst zerstören müsste.

In diesem Kampf kommt man letzten Ende immer wieder zu einer Frage. Man muss eine Entscheidung fällen. Ekele ich mich vor dem Schleim, dem Öl? Oder erkenne ich, dass das Öl gar nicht existiert, wenn ich mich dagegen entscheide? Kann ich in dieser stinkenden Welt den Geruch einer Blume wahrnehmen?

Sonntag, 17. Oktober 2010

Der Herbst

Freiburg im Oktober. Unter hellblauem, kalten Herbsthimmel den wundervollen Geruch von vermodertem Laubwerk in der Nase haben. Die Kälte bricht sich wie Wellen an meinen Wangen. Mein Atem wird für einen Augenblick zu hellem, mystischen Nebel. Das Leben ist kurz. Das Leben ist lang. Völlig egal, das Leben ist in erster Linie interessant, und da braucht es nur noch ein offenes Gemüt, um die Schönheit darin zu erfassen. Ein Vogel landet vorsichtig auf dem Geländer. Neugierig schaut er sich um, hüpft auf den Glastisch. Klack klack klack. Ich habe mich längst zu ihm geneigt, möchte erraten, was sich zwischen den kurzen, blitzartigen Bewegungen in diesem kleinen, schönen Kopf abspielt. Ob er die Welt schön findet? Vermutlich denkt er sich gar nichts über die Welt, aber diese Leere in seinem Kopf, ist sie warm oder kalt? Wobei ich gar nicht mehr zu sagen vermag, was denn nun schöner ist, Wärme oder Kälte. Ein kurzer Moment des Aufleuchtens, stärker als sonst. Alles hat seinen Sinn. Der Winter ist ebenso wichtig wie der Sommer. Blabla. Das hat man schon oft gehört, aber manchmal durchschaue ich die fahlen Worte für einen Moment. Momente größter Glücklichkeit. Von soviel Glück eingeschüchtert hüpft der Vogel schnell wieder auf das Geländer und flattert davon. Ich höre sein Pfeifen, seinen Flügelschlag. Die Augen fallen mir zu und ich weiß, wo ich bin. Das passiert nur selten. Das Leben hat einen Sprung gemacht, mehrere Stufen auf einmal genommen. Freiburg im Oktober und ich bin ein Stück näher.