Mittwoch, 17. November 2010

Die Mine

Da bin ich nun also. Man schifft mich aus. Ein letzter Blick in ihre Augen, und wir beide wissen, dass wir an einer Grenze stehen. Ich werde nicht wiederkommen. Sie wird trauern, aber irgendwann einfach weiterleben. Ein Bild auf einem Kamin. Mehr wird nicht von uns übrig bleiben. Sie schüttelt den Kopf und hat Tränen in den Augen. Ich wende mich ab.

Die Reise in das ferne Land vergeht langsam, meine Kameraden und ich sind wie gelähmt. Ich denke viel über Triviales. Erst kurz vor der Ankunft steigt es in mir hoch: Was, wenn sie mich erkennen? Mich gefangen nehmen? Sie werden feststellen, dass ich nicht bin wie die Anderen. Es wird ihnen Angst einjagen, aber letzten Endes werden sie nichts tun können. Sie werden mich aufschneiden und genauestens untersuchen. Ein Anachronismus.

Ob sie verstehen können, was ich bin? Es wäre eine Chance, aber die Hoffnung hat diesen kalten Raum schon längst verlassen. Ich schaue meinen Kameraden in die Augen. Sie erkennen mich nicht. Gleichgültigkeit steht ihnen um den Mund, Angst steht ihnen in den Augen. Wenn sie wüssten, was mich von ihnen unterscheidet, würde es sie überhaupt kümmern?

In meinen Träumen sehe ich mich nach Hause kommen. Doch etwas ist nicht richtig. Meine Frau, sie schaut mir nicht in die Augen. Das Bild auf dem Kamin hat etwas Staub abbekommen. Unsere Tochter weint. Es ist, als ob sie beide wussten, was ich bin, schon immer. Aber es fiel ihnen erst auf, als ich ging. Etwas ist für immer gebrochen. Ich schaue auf den Boden. Er ist rot.

Ich werde als erstes auf das Schlachtfeld rennen. Vielleicht erwische ich eine Mine.